Von Perfektion und Anspruch …

Aquarell und Tusche… oder Frau Nörgel hatte eine Erkenntnis.

Da war sie wieder, die Meisterin der Selbstkritik. Die arrogante Schnepfe, der fast perfekt nicht ausreichend ist. Die Nörglerin, die sich permanent selbst im Weg steht und alles für nicht gut genug befindet. Doch dieses Mal … dieses Mal habe ich einfach nicht zugehört.

Spannenderweise ist dies wohl eine der wichtigsten Lektionen, die ich aus meinem letzten Tanzworkshop mitgenommen habe, auch wenn diese gar nicht so wirklich das zentrale Thema der Veranstaltung war. Ich möchte die Dame bitte nachträglich küssen für diesen Satz, der mir in dem Moment noch gar nicht so bewusst wurde und erst später reifte. Doch fangen wir von vorne an:

Der besagte Workshop von der Compaigne Cabas war ausgeschrieben für „fortgeschrittene Tänzer und Akrobaten“ und ich meldete mich todesmutig und in dem Bewusstsein vermutlich die maximal unakrobatischste Teilnehmerin zu sein dort an.

Es kam also wie es kommen musste. Wir sollten unter Anleitung Räder schlagen, uns über den Boden rollen und halbwegs koordinierte Purzelbäume vollführen. Das Rad war ja noch im Bereich des Möglichen … alles Andere … reden wir besser nicht darüber. Frau Hase hatte jedenfalls für die Seitenrolle keine Kraft in den Armen und plumpste bei den Purzelbaumversuchen regelmäßig mit dem Kopf voran auf den Boden. Alles in Allem sehr unelegant und wer in den folgenden Tagen die lustig-blauen Knie und Ellenbogen zu Gesicht bekam, kann sich vermutlich ein Bild davon machen wie unfassbar geschickt ich hier war.

Als wir in Schritt zwei dazu aufgefordert wurden uns nun eine Variation der Übung auszudenken, überlegte ich kurz, ob ich nicht einfach nach Hause gehen sollte. Wie sollte ich mir denn eine Variation einer Turnübung aus den Fingern ziehen, die ich in der Grundvariante schon nicht annähernd hinbekam. Ich saß also dezent verzweifelt in der Ecke, so dass die Dame der beiden „Dozenten“ (übrigens Schauspielerin, nicht Tänzerin) zu mir kam, um mir zu helfen. Ich erklärte ihr mein Problem und sie sagte auf gebrochenem franko-englisch, dass das ja gar kein Problem sei, ich müsse schließlich nur mein Defizit zu meiner Stärke machen! Wenn ich bei der Seitenrolle aus Kraftmangel auf dem Boden plumpse, dann ist das doch auch eine Variation, oder? MEINE Variation eben. Meine Art und Weise diese Bewegung zu vollführen. So wurde meine Variation der Rolle beispielsweise zu einem abgebrochenen Versuch eienr Rolle, aus Angst sich irgendwann eine Gehirnerschütterung einzufangen. Tadaaa: Eine Angsthasen-Variation! Es funktionierte. Und ich war froh damit! Schließlich bin ich auch einfach keine Akrobatin und möchte es auch nicht werden.

Dieser Satz und diese Erfahrung setzten sich irgendwo tief in meinem Kopf fest und verbanden sich mit einem anderen Gedanken, der sich dort schon eine Weile herumtrieb.

Wer mich kennt, weiß um meine Liebe zu Kunst- und Zeichenbüchern. Ab und an nehme ich eines in die Hand und bewundere ehrfürchtig die Abbildungen darin. Und immer wieder fällt mir auf: Das hätte ich nicht so gelassen, das hat krumme Linien und ist nur ganz grob und vermutlich hätte ich es weg geworfen. Moment mal … weggeworfen? Ich halte ein Buch in den Händen von Menschen, die mit Bildern bekannt geworden sind, die ich wegwerfen würde, wären sie von mir – da stimmt doch etwas nicht! Das sind die Momente in denen ich mir vornehme einfach mal imperfekt zu malen und es Absicht zu nennen. Ich habe es schon ein paarmal getan und siehe da: Ich mag es!
Denn … vielleicht ist das nunmal einfach mein Weg, meine Sprache, mein Stil? Oder vielleicht muss ich es einfach nur dazu ernennen? Vielleicht ist es wie mit der Akrobatik? Ich bin kein Akrobat. Und ich bin kein Photorealist. Ich kann es versuchen und vielleicht funktioniert es sogar einmal, aber ich muss es ja nicht so machen. Ich muss tun was ich tue. Auf meine ganz spezielle Art. Weil es MEINE Art ist. Und weil es so gehört.

Und da ich jetzt einen spontanen Bogen vom Tanz über die bildende Kunst hin zu Leben zu schlagen versucht habe, ende ich einfach mal in der Welt der Software …

„Its not a bug, it’s a feature!“

In diesem Sinne: Bäm, Baby!

——————————–
… vielleicht sollte ich irgendwann eine Rubrik mit dem Titel „Hases Erkenntnisse, die eigentlich irgendwie schon vorher klar gewesen sein sollten“ einführen.