
Die Sache mit den Tüten …
Immer und überall wird einem ungefragt Zeugs in Tüten abgepackt, einfach so. In vielen Läden muss man erst mal eindringlich mitteilen dass man KEINE Tüte möchte, nur um dann fragend angeguckt zu werden. Wer zum Beispiel braucht diese Mini-Plastiktüten aus der Apotheke um ein Päckchen Tabletten und eine Gratis-Packung Taschentücher zu transportieren? Sogar im Bioladen wollte man mir meine Sachen in eine Plastiktüte stecken. Wenn es schon überall eine Tüte sein muss: Kann die nicht wenigstens aus Papier sein? Oder vorher mal Fragen ob der Kunde überhaupt eine Tüte braucht? Ist ja nicht so als wären die meisten Produkte ohnehin schon in mehrere teils unnötige Schichten Verpackungsmaterial eingewickelt worden.
… und das was in den vielen Tüten ist …
Angeregt durch eine Arbeitskollegin: Es ist doch traurig, dass die Industrie uns Selbstverständlichkeiten als besondere Features verkaufen will. Da war eine Tüte mit Kartoffelpüree Pulver zum Anrühren mit Wasser mit dem groß und rot präsentiertem Hinweis “ohne Geschmacksverstärker” – sollte nicht eigentlich eher auf allen anderen Tüten “mit Geschmacksverstärker” stehen? Ist ja nicht so als gehöre der da klassischerweise mit rein. Genauso ist es mit vielen anderen Sachen “mit echter Vanille” – oh Danke, ich hätte aber lieber einen großen, roten Warnhinweis bei Fälschungen. “Ohne Zusatzstoffe” – “Ohne Farbstoffe” – “Ohne Chlor” – “Ohne [Gift ihrer Wahl, bitte hier einfügen]” … Die Liste ließe sich noch weiter fortführen, aber das wisst ihr auch. Im Grund weiß es jeder, aber es lässt sich so herrlich ignorieren wenn es nur im Kleingedruckten steht.
… und wo der Kram herkommt.
Genauso seltsam ist es doch eigentlich mit der Herkunft. Natürlich bin ich froh wenn es irgendwelche Verbände und Auszeichnungen gibt, die mir bei der Orientierung helfen. “Fair Trade” – tolle Sache, aber ich fände es auch hier, für mein Gefühl, passender wenn es für alles andere einen “Unfair gehandelt”-Sticker geben würde. “Bio” – Wäre auch schön wenn das irgendwie die Regel wäre und anders hergestellte Ware entsprechend gekennzeichnet werden müsste.
Verdrehte Welt
Ist es so selbstverständlich für uns verwöhnte Westeuropäer sinnlos Dinge weg zu schmeißen? Ist es so normal fragwürdige Lebensmittel aus seltsamen und unbekannten Bestandteilen zu essen? Dass nicht das in den Packungen ist, was uns die Verpackung gerne suggerieren möchte? Dass unsere Genussmittel auf dem Rücken verschleppter und geschundener Kinder erzeugt werden?
Ist es so selbstverständlich und normal für uns, dass die Dinge schief laufen, dass wir Dinge kennzeichnen weil sie so sind, wie sie sein sollten? Oder ist es uns einfach nur scheißegal? Das kann und möchte ich eigentlich nicht glauben.
Das kann nicht richtig sein, das fühlt sich nicht richtig an, das müsste doch eigentlich anders sein! Oder? Dass nicht alles gut und richtig ist, ist eine Sache. Aber diesen Umstand einfach so als selbstverständliche Gegebenheit hinzunehmen und zu schlucken, eine andere.
Titelfoto von Quinn Dombrowski.
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4 Kommentare
Alsuna schrieb:
14. Okt. 2011
Ich frag mich mittlerweile wirklich warum sich so viele Menschen über unbekannte Inhaltsstoffe in verarbeiteten Lebensmitteln, wie z.B. das erwähnte Kartoffelpüree aus der Tüte beschweren, wenn es doch so einfach wäre das ganze selber zu machen. Kuchen lassen sich ja auch wunderbar selber backen. Man spart viel Geld, der Mann freut sich, und man braucht nur ein wenig wie unsere Großmütter zu sein.
Simone schrieb:
14. Okt. 2011
Klar ist es einfach das selber zu machen, aber darum ging es hier ja garnicht. Das gilt ja auch für nicht verarbeitete Sachen. Nur anstatt vereinzelt darauf zu schreiben wenn mal irgendwas NICHT drin ist, sollte doch lieber drauf stehen WENN etwas drin ist, das dort nicht hinein gehört. Denn auch wenn du dir den Kartoffelpürree selber machst. Du hast mit Sicherheit auch keine Kuh im Stall stehen, die du dafür melken gehst. Sondern beziehst die Milch von woanders und musst dich auf deinen Milchlieferanten/Hersteller/Supermarkt verlassen. Manch einer holt die sicherlich vom Bauern, aber das ist nunmal nicht jedem so einfach möglich. Ebenso bei den Kartoffeln.
Du weißt sicher worauf ich hinaus möchte. Sicher ist ein Fertiggericht kein naturbelassenes Superprodukt. Dennoch ist es fragwürdig, dass das nichtvorhandensein von schlechten Dingen eher als Qualitätsmerkmal gilt und hervorgehoben wird, als dass das vorhandensein dieser Dinge auszeichnungswürdig wäre. Egal ob Fertigprodukt oder nicht.
Und auch wenn selbstgemachtes Kartoffelpüree besser schmeckt und sicherlich weniger fragwürdige Bestandteile hat: Ich kann es nicht mal eben so schnell in der Büroküche kochen und zerstampfen! ;)
Kirsti schrieb:
15. Okt. 2011
Das Problem in unserer Gesellschaft ist m.E., dass sie uns dazu bringt, viele Dinge für wichtig zu erachten und Zeit dafür auszugeben, die es gar nicht sind. Wir hetzen von Termin zu Termin und die wirklich bedeutenden Dinge des Menschlichen Lebens geraten zu Nichtigkeiten am Rande. Das Ursprüngliche Ziel der Zivilisation – der Grund, warum sich Menschen zu Gemeinschaften (Familien/ Dörfer / Städte) zusammengefunden haben, war, den eigenen Fortbestand zu sichern. Sprich die Ernährung, Gesundheit, Schutz der Familie vor natürlichen Feinden. Heute ist eine gesunde Ernährung und andere Dinge wie Sport, Entspannung etc, die der Gesunderhaltung der Menschen dienen nicht mehr das Ziel der Arbeit des Menschen und der Gesellschaft. Sie sind bestenfalls Mittel zum Zweck und dieser Zweck heist Produktivität und Leistung.
Kurz gesagt, früher arbeitete der Mensch, um leben zu können.
Heute lebt der Mensch, um arbeiten zu können.
Das Kartoffelpüree ist da ein signifikantes Beispiel. Früher hast du gearbeitet, um Zutaten für eine schmackhaft und nahrhafte und gesunde Mahlzeit zu erhalten.
Heute stopfst du solchen Müll in dich rein, weil du zwar Nahrung brauchst, aber nicht zulassen kannst, dass ihre Zubereitung und Aufnahme dich länger als unbedingt nötig von der Arbeit ablenkt.
Simone schrieb:
15. Okt. 2011
Danke Kirsti! Das hast du toll gesagt und ich sehe das ganz ähnlich. Das ist ein massives Problem und kann so auch nicht mehr lange gut gehen. Dazu kommt noch, dass durch diesen konsumbelasteten und effizienzbetonten Lebensstil anderswo auf der Welt Menschen die Chance auf ein anständiges Leben genommen wird.