Gothic Friday 01: Wie bist du in die Szene gekommen?

Haascore bzw. Simone ca. 1998

ca. 1998

Wann ging es denn los?
Ich kann mich nicht erinnern dass es irgendwann einmal „deeeen“ großen Wendepunkt gab an dem ich dachte „Jawoll! Das ist es! Ich werde jetzt voll gruftig und so!“. Das ist aber wohl bei den meisten so. Es ging immer mal mehr und mal weniger in diese Richtung, sehr, sehr schwankend. Ich konnte mich noch nie gut festlegen und so ist es ja auch heute noch.

Als ich noch ganz klein war
Jemand sagte mir mal „Du warst als Kind schon irgendwie komisch!“. Das mag auch sein und den „Weg“ (wenn es denn einen gibt) bereitet haben. Ich wollte immer die finstere Zigeuner-Hexe sein die in Ihrem kleinen Zelt hockt, in die Zukunft guckt und irgendwelche Leute verflucht, oder aber auch die kleine Prinzessin im Glitzerkleid, oder Ballerina, oder so… naja Kind eben. Aber eine gewisse Faszination von mythischem und eine gewisse Tendenz zur Schwermut habe ich schon immer mit mir herumgetragen. Irgendwann (so mit zehn/elf Jahren) fand ich es irgendwie cool mich schwarz anzuziehen, von „Gruftis“ oder „Gothics“ hatte ich bis dahin aber noch nie bewusst etwas gehört.

Und wie ging es weiter?
So auf dem Dorf und ohne Internet dümpelt man dann halt ein wenig vor sich hin. Musik kannte ich nur die, die es bis ins Radio geschafft hatte, habe mir da herausgepickt was mir so gefiel und oft gerne schwarz getragen, aber auch gerne anderes. Ich wusste nicht so genau was ich wollte und wohin mein Weg mich führen sollte, aber ich wusste ziemlich genau dass das nicht dem Gros an meiner Schule entsprach. Ich kann mich erinnern dass ich irgendwann bei einer Freundin (die hatte nämlich so abgefahrene Sender wie RTL2, das gab es bei uns nicht) einen „Bericht“ über Gothics gesehen habe, ich vermute es war Bravo-TV oder ähnlicher Käse und ich fand ihn saublöd. Da war so ein mopsiges Mädchen mit ganz vielen komischen Rüschen an sich dran, die erzählt hat dass man nur schwarz anziehen darf und manchmal auch weiß oder rot. „Was ist denn das für ein Quatsch!?“ dachte ich mir nur und hakte das Ganze als „doof“ ab. Ich wollte lieber Boots anziehen und kaputte Strümpfe und so (hatte ich wohl mal irgendwo gesehen) als Rüschenkram und Farben auswählen wie es MIR passt.

First Contact
Irgendwann (halt mit 16) fing ich dann meine Ausbildung an, lernte neue Leute kennen (allerdings vorwiegend Punks) und kam in „die große Stadt“. Jaaa, man glaubt es kaum aber damals hab ich Koblenz wirklich erstmal als große Stadt wahrgenommen (schließlich ist es da NOCH größer als in Neuwied!), hatte ich doch bisher nur in Orten gewohnt wo der nächste normale Supermarkt schon mindestens ein Dorf weiter weg war. Aber dort gab es tolle CD-Geschäfte die auch CDs außerhalb der Top 100 hatten, die man super nach der Berufsschule noch fix anhören konnte um sich zumindest ein paar davon zu kaufen. Außerdem gab es da noch dieses Mädchen in meiner Klasse, das ähnliche Klamotten anhatte wie ich, immer einen Lidstrich der über das halbe Gesicht ging und auch ansonsten ganz nett zu sein schien. Allerdings brauchte ich schüchternes Hühnchen über ein Jahr um mal mit ihr ins Gespräch zu kommen, aber wir verstanden uns auf Anhieb prima. Sie nahm mich dann auch ein mal mit nach Mainz ins KUZ, oder Mittwochs mit ins Dreams in Koblenz (was total spannend war, denn ich war ja noch unter 18 und durfte eigentlich gar nicht so lange weg).

Endlich volljährig!
Kaum hatte ich dann meinen Führerschein war ich am Wochenende und teils auch unter der Woche nur noch unterwegs (aus) in den verschiedensten Lokalitäten in Koblenz, Mainz und Köln. Aufbrezeln, Tanzen, toll finden! Mit der Zeit veränderte sich mein Freundeskreis in mehr Metal-lastige Gefilde was auch ein wenig Einfluss auf die Musik hatte die ich hörte, denn siehe da, auch da gab es tolle Sachen und im Grunde war die Grenze ja eh fließend. Ich hatte eine „Band“ namens Seelentod zusammen mit meiner besten Freundin, die allerdings die meiste Zeit nur aus uns Beiden bestand und daher nie wirklich in die Pötte kam.

Ich bin heute längst nicht mehr so viel unterwegs, genau genommen kaum noch, das hat sich halt über die Jahre so ergeben und entwickelt. Aber ich denke so in etwa könnte man mein „in die Szene kommen“ grob zusammenfassen.

Haascore bzw. Simone ca. 2009

ca. 2009 (Foto von Joffray | Fotos der Nacht)

Und die Musik?
Ich habe schon immer ziemlich wüste Musikmischungen gehabt, besonders beliebt bei mir und besonders verhasst bei meinen Mitfahrern waren z. B. auch immer meine Auto-Mixtapes (jaaa, mein erstes Auto hatte nur ein Kassettenradio! *gg* ).

Wenn ich versuchen würde in der halbwegs richtigen zeitlichen Reihenfolge einige Stichprobenbands herauszupicken, wären diese beileibe nicht alle „Gothic“ sind, tendenziell wohl eher die wenigsten. Ich bin nicht auf alles stolz was ich mir irgendwann mal auf CD angeschafft habe, denn einiges davon ist ziemlicher Müll und wird definitiv nicht mehr in meinem Player landen, anderes hab ich einfach totgehört und wieder anderes passt mittlerweile einfach nicht mehr zu mir. Das Erste was mir wohl so ganz, ganz grob in der Richtung begegnet ist, war z.B. Sisters of Mercy, The Cure, Depeche Mode (eben Dinge die man auch in den Charts findet, siehe Geschichte oben) – später kamen dann einige seltsame Elektro-Sachen dabei, Gothic-Mädchen-Metal und Mittelaltergedudel und so diverse andere Dinge, die eben so in den Indie-Reaglen der Koblenzer und Neuwieder CD-Läden auf mich warteten. Habe aber nebenher schon immer jede Menge auch ganz andere Musik gehört die mich einfach berührt, bewegt oder einfach nur dafür sorgt dass ich tanzen, singen, hopsen, lachen oder weinen möchte und so ist es auch heute noch.

Dieser Text gehört zum Spontis-Projekt Gothic-Friday.