Es macht mich traurig …

HerbstpfützeIch weiß, es muss Regeln geben. Ich weiß, diese Regeln haben durchaus Ihren Sinn. Ich weiß auch, dass ich den umstrittenen Essener Vergewaltigungsprozess nicht begleitet habe und mir eventuell wichtige Hintergründe fehlen um die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ich weiß auch, dass schon die Konstellation der beteiligten Personen sehr seltsam ist und frage mich, was das Mädel da zu suchen hatte. Aber es geht mir hier nicht um die juristische Korrektheit dieses Urteils, die ja offenbar gegeben ist, sondern um das, was der Fall bzw. die kurzen Berichte über diesen Fall mir wecken. Was mich wurmt und beschäftigt, seit ich das gelesen habe. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit nicht alleine bin. Als ich gestern den ersten Artikel zu dem Thema las, wurde mir schon ganz anders und es lässt mich gerade auch nicht los.

„Sie hat sich nicht genug gewehrt.“
Hätte ich mich mehr gewehrt? Als 15-Jährige? Gegenüber einem anscheinend gewaltbereiten, drogenabhängigen Mann, der doppelt so alt ist wie ich? Einem, dem bei dem die beiden Anwesenden, erwachsenen Frauen schon wortlos kuschen und mal eben in den Keller gehen? Ich fürchte nicht, schon aus Angst alles noch schlimmer zu machen.

„Sie hat nur einmal ‚Nein, ich möchte das nicht!‘ gesagt.“
Wie oft muss denn ein „Nein“ gesagt werden, damit es zählt? Dreimal? Fünfmal? Dauerhaft im 30-Sekunden-Takt? Muss ich ein Plakat malen? Oder gibt es einen Geheimcode bei dem aufgehört werden muss? Sollte ein Nein nicht so lange gelten, bis es eindeutig revidiert wurde? Dürfen auch fremde Leute einfach in mein Haus spazieren und tun was sie wollen, wennn ich nur einmal sage „Nein, ich möchte das nicht!“?

„Sie hätte ja um Hilfe rufen können.“
Schon mal Angst gehabt? So, dass es einem die Kehle zuschnürt? Schon mal versucht, dann um Hilfe zu rufen?

„Die Türen waren nicht verschlossen und es wurde ihr keine Gewalt angedroht.“
Das bedeutet, wenn jemand in der Tiefgarage über eine Frau herfällt, im Wald, im Park oder sonstwo gilt das auch nicht? Da sind auch keine Türen und man kann ja einfach weggehen. Heißt das, solange man kein Messer an der Kehle hat oder das ganz konkrete Gewaltankündigungen fallen, ist alles okay? Wirklich? Ich kann mir sehr viele Situationen vorstellen, in denen Frauen durchaus schutzlos jemandem ausgeliefert sind, ganz ohne verschlossene Türen, Waffen oder zuvor ausgesproche Gewaltandrohung.

Wie schon gesagt: Ich sehe absolut ein, dass es Definitionen und Regeln geben muss um nicht „rachsüchtigen Frauen“ (machen wir uns nichts vor, die gibt es leider auch) ein Mittel in die Hand zu geben jedem Mal eben so etwas so Schreckliches vorzuwerfen. Dass es irgendwo eine Linie geben muss, bei der „Legalität“ aufhört und „Straftat“ anfängt. Und ich kann mit tatsächlich nicht anmaßen, über diesen konkreten Fall urteilen zu können – aber dennoch wurmt es mich so.

Denn es bleibt dieser fade Beigeschmack, der mich verfolgt. Das Gefühl, dass dieses Urteil bzw. die Berichte dazu, für alle Frauen, die vielleicht Ähnliches erlebt haben, ein Schlag ins Gesicht sind. Frauen die sich auch nicht wehren konnten – nicht um Hilfe rufen konnten – gelähmt vor Angst. Frauen, für die sich diese Aussage und dieses Urteil eben genauso anfühlt wie „Dann hätte die eben nicht so einen kurzen Rock anziehen sollen!“ oder „Die hast den doch vorher angemacht!“, als wäre das ein Freifahrtschein für irgendwas.

Noch fataler aber, finde ich den Gedanken, dass sich womöglich Männer, deren Bild von Frauen, Recht und Unrecht sich irgendwie bestärkt oder bestätigt fühlen könnten: Denn wenn sie nicht kratzt, beißt, schreit und wegrennt – dann ist es schließlich auch keine Vergewaltigung, oder?

Rechtskräftig oder nicht, diese Geschichte macht mich traurig. Sehr.