Der Raum …

Gartentor

… oder: Der Tag der toten Socke

Herr Weißbrink öffnete mühsam die Augen. Jeder einzelne Knochen im Leib schien im weh zu tun. Er konnte sich nicht entsinnen, wann er das letzte Mal so schlecht geschlafen hatte. Dunkel erinnerte er sich noch an einen mehr oder weniger verstörenden Traum, in welchem sich ein, als Vanilleschote verkleideter, Einbrecher nachts in seiner Küche herumtrieb, um ein Pilzraout zu kochen. Sicherlich hatte er etwas Falsches gegessen, wie sonst sollte er sich einen so schlechten Schlaf mit derart absurden Träumen erklären?

Als seine Augen nun endlich weit genug geöffnet waren, um eine akzeptable Menge an Licht herein zu lassen und jene sich anschließend daran gewöhnt hatten, dass eine ebensolche Menge gerade nicht zur Verfügung stand, sah Herr Weißbrink, dass er nichts sah. Es war Dunkel.

Ein routinierter Griff in Richtung der Nachttischlampe endete nicht wie von Herrn Weißbrink beabsichtigt. Denn anstatt den Lampenschalter zu treffen, gegebenenfalls auch die Lampe selbst oder doch zumindest seinen Nachttisch, fasste er in etwas Weiches, Plüschiges. Irgendetwas stimmte nicht. Bei einer genaueren Befragung seines Rückens und anderer zur Verfügung stehenden Gliedmaßen und freiliegender Hautareale, konnte dies auch unmöglich sein Bett sein. Er schien vollständig umgeben von duftender Weichheit, welche wohl offensichtlich auch der Grund dafür war, dass er nichts sehen konnte. Langsam bahnte er sich einen Weg in die Richtung, die seiner Meinung nach am ehesten die Bezeichnung oben verdient hätte – bis ans Licht.

Was er dort fand, bestärkte seinen Verdacht, dass es sich hier weder um sein Bett, noch um sein Schlafzimmer handeln konnte. Sobald er sich den Weg in die vermeindliche Freiheit erkämpft hatte, starrte ihn (nur wenige Meter entfernt) eine kalte, löchrige Metallwand an. Sie erinnerte ihn an irgendwas, doch an was genau – das sollte ihm erst einige Zeit später in den Sinn geraten.

Vorsichtig schob er seinen noch immer schmerzenden Körper weiter vor – über die Weichheit, die ihn vorhin noch umhüllte – in Richtung des einfallenden Lichts. Plötzlich stoppte ihn eine Glaswand. Eine feuchte, runde Glaswand. Er betastete sie. Nein, hier schien es kein Durchkommen zu geben.

Was war das? Träumte er noch immer? Hatte das Pilzragout irgendetwas damit zu tun? Er wusste es nicht. Und außer ihm, war gerade niemand anwesend.

Vor der Glasscheibe bewegte sich etwas. Herr Weißbrink ging vosichtshalber in Deckung. Er wusste nicht wo er war, wie konnte er dann wissen, was sich außerhalb dieser Glasscheibe abspielte? Und sicher ist schließlich sicher und damit besser als das Risiko des Unbekannten. Aus seinem Versteck heraus bemerkte er, dass die Glaswand nicht nur feucht, sondern beschlagen war. Wollte er also wissen, was sich dort bewegte und ob es einen Grund gab, sich davor zu verstecken, so blieb ihm nichts anders übrig, als zurück zur Scheibe zu krabbeln und ein Stück davon frei zu wischen. Vorsichtig verschaffte er sich mithilfe seines Ärmels ein kleines Guckloch aus dem seltsamen Metallraum, in welchem er sich seit dem Aufwachen befand.

Vor dem überdimensionalen Fenster seines seltsamen Gefängnisses sah er – auch wenn es anfangs noch etwas verschwommen und schwer zu erkennen war, ob des hellen Lichtes und den verbliebenen Schlieren auf der Scheibe – Menschen. Andere, fremde Menschen. In einer Art Raum, die er weder wirklich zuordnen, noch einordnen konnte. Sie unterhielten sich. Doch Geräusche klangen nur teilweise, dumpf und sehr undeutlich zu ihm hinein.

Er suchte nach einem Ausgang. An der Glasscheibe, in den Ecken, entlang der unfreundlichesn Metallwand und in den Untiefen des weichen Berges, der sich im Raum auftürmte. Nichts. Keine Tür, kein Tür, kein Schloss und kein Hebel. Nichts, das sich drücken, schieben oder drehen ließe, um einen geheimen Mechanismus auszulösen. Er saß fest. Also setzte er sich zurück an die Scheibe, wischte ein neues Guckloch frei (dieses Mal bedeutend größer) und beobachtete das Treiben auf der anderen Seite. Er verstand weder was dort vor sich ging, noch wer diese Leute waren. Er lauschte, doch nichts schien einen Sinn zu ergeben. Er versuchte mit Klopfen, Rufen und Winken auf sich aufmerksam zu machen, doch niemand nahm Notiz davon. Irgendwann löste sich sein Zeitgefühl völlig auf. Er konnte nicht sagen, ober Minuten dort saß, ob es Stunden waren oder ob er Tage damit zubrachte in die unverständliche Außenwelt zu starren.

Bei näherer Betrachtung, waren die Außenmenschen deutlich überdimensioniert und die weiche Masse, an die sich Herr Weißbrink schon fast gewöhnt hatte, entpuppte sich letztlich als eine Ansammlung frisch gewaschener Socken und diverser anderer Kleidungsstücke. Herr Weißbrink saß also fest. In einer Waschmaschine. Und er wusste weder, wie er hier hinein geraten war, noch warum und schon gar nicht, wie er aus eigener Kraft wieder heraus kommen sollte. Manchmal schlief er ein und wachte wieder auf. Doch an seiner Situation änderte das wenig.

Nie wieder würde er Pilzragout essen – sicherheitshalber – falls er irgendwann wieder aus dieser Waschmaschine kam. Herr Weißbrink beschloss sich tot zu stellen, vielleicht hielten Sie ihn für eine alte Socke. Und vielleicht gelang ihm so die Flucht auf die Wäscheleine, in die Welt, was immer das in diesem Fall bedeuten mochte.

Nur eines, das wusste er mit Sicherheit. Er mochte keine Waschmaschinen.